Betreuungsgeld, Respekt und Wahlfreiheit
Gesunde Kindes-Entwicklung durch Betreuungsgeld?
Gut, dass es noch scharfsinnige Denkerinnen und Denker in diesem Land gibt! Was das Betreuungsgeld angeht, sitzen diese derzeit zum Beispiel in der Jungen Union Deutschlands. Ihre Pressemitteilung trägt den Titel "Betreuungsgeld ermöglicht elterliche Selbstbestimmung!"Darin begründet sie ihre Befürwortung des Betreuungsgeldes damit, dass sie "individuelle Entscheidungen" befürworte und niemandem vorschreibe, wie er zu leben habe. Außerdem könne die "kognitive und emotionale Entwicklung" des Kindes nur gelingen, wenn das Kleinkind Sicherheit durch eine verlässliche Bindung erfahre. Und wörtlich: "Dies geschieht am besten durch die eigenen Eltern." Die Kitas könnten dies nicht leisten, sagt die Junge Union und versteigt sich sogar dazu, von einem "Versäumnis" zu sprechen, das später kaum mehr wettzumachen sei...!
Eine solche Verdrehung der Tatsachen ist fast schon bewundernswert. Keine Rede davon, dass es inzwischen genügend Studien gibt, die das genaue Gegenteil beweisen. Wie der Deutsche Frauenrat in seinen Informationen zum Betreuungsgeld berichtet, raten z.B. sowohl das Institut zur Zukunft der Arbeit als auch das Institut für Wirtschaft von der Einführung des Betreuungsgeldes ab. Längst hat sich gezeigt, dass Kinder, die frühzeitig Betreuungseinrichtungen besuchen, bessere Schülerinnen und Schüler werden und später bessere Bildungschancen haben.
Durch die Junge Union aber wissen wir jetzt besser Bescheid: Wer gegen das Betreuungsgeld ist, zeigt Respektlosigkeit gegenüber individuellen Entscheidungen von Eltern, bevormundet Familien, spricht sich gegen Wahlfreiheit der Eltern aus und gefährdet außerdem noch die kognitive und emotionale Entwicklung von Kleinkindern!
Na, wenn das so ist: Schaffen wir doch am besten die Kitas ganz ab! Das kostet zwar ein paar Arbeitsplätze, aber die zumeist weiblichen Beschäftigten könnten dann ja schwanger werden und selber ein paar Kinder in die Welt setzen. Das würde sie zum Bezug des Betreuungsgeldes berechtigen - und sie könnten darüber hinaus die "Versäumnisse" wieder wettmachen, die sie in den Kitas durch die Betreuung von Kleinkindern außerhalb der Familie möglich gemacht haben.
Ach ja, mit auf der Strecke blieben dann auch ein paar Sprachförderungsprogramme oder die Förderung der Erziehungskompetenz von Eltern durch Programme wie "STÄRKE", von denen viele Eltern erst durch Betreuungseinrichtungen erfahren. Aber das macht ja gar nichts: All dies wird locker aufgeholt durch die gelungene kognitive und emotionale Entwicklung des Kleinkindes, die am besten durch gestresste und am Existenzminimum lebende Alleinerziehende, Geringqualifizierte und Familien mit niedrigen Einkommen gesichert werden kann. Die nehmen nämlich in Thüringen, wo es bereits ein Betreuungsgeld gibt, diese Leistung am häufigsten in Anspruch. Dies nennt sich dann "Wahlfreiheit", weil ja alle Eltern selber schuld sind, die ihr Kind in eine Kita schicken und auf das Betreuungsgeld verzichten...
Schön, dass die Junge Union hier mal Klartext geredet hat.


