Theater-AG interreligiös

Rückblick Theater-AG interreligiös

Unvergleichlich! Kulturelles Schulprojekt interkulturell

Kaum hatten wir die Türe zum Klassenzimmer geöffnet, standen die Kinder dicht gedrängt und hochkonzentriert vor einer großen, aufgehängten Weltkarte. Der Zufall wollte es, dass in den Schulstunden vor unserer Theater-AG wohl damit gearbeitet worden war und sie immer noch da hing. Einen perfekteren Einstieg in die interkulturell-interreligiöse AG hätte es kaum geben können. Jedes Kind wollte sein Herkunftsland finden und zeigen und in kürzester Zeit hatten alle einen sehr lebendigen Eindruck davon, dass wir sozusagen aus aller Welt zusammen kamen.

Ganz einfach schien das interkulturelle Leben zu sein, während wir uns danach alle über Sitten, Gebräuche und religiöse Feiern unterhielten.

Praxis und Theorie klaffen oft weit auseinander, und so war es auch bei den Kindern dieser Theater-AG. Schnell fanden sie eine wunderbare Metapher für das Thema "Interkultuell" und erfanden ein Theaterstück, das auf sechs verschiedenen Planeten spielte. Aber schon, als es darum ging, wer denn nun auf welchem Planeten wohnen dürfe, wurden Grenzen hochgezogen, Verbote ausgesprochen, Türen zugeschlagen.

Als sich alle sortiert hatten, versuchten wir, ein gemeinsames Stück daraus zu machen. Alle sollten spielen, was passiert, wenn die Bewohner_innen der Planeten eines Tages die Entdeckung machen, dass es noch andere Lebewesen im All geben muss. Interessanterweise hatten alle unabhängig voneinander die gleiche Idee: Eine Rakete bauen und losfliegen, um die Anderen kennen zu lernen!

Was vielversprechend klang, endete aber in Kampf und Schießereien. So einfach war das Kennenlernen also doch nicht. Nach langen Kämpfen aber beschlossen die Kontrahenten dann, sie wollten nun doch Frieden schließen – und zwar ohne Vermittlung von außen! Jetzt aber musste der eigene Planet natürlich in den buntesten Farben beschrieben werden – und schon bald logen sich die Aliens gegenseitig an, dass sich die Balken bogen. Lange ging das nicht gut, denn die Lügen flogen auf – aber diesmal hatten die Aliens etwas dazugelernt: Statt sich wieder zu bekämpfen, entschuldigten sie sich beieinander und beschlossen, dass es doch besser sei, sich gegenseitig zu besuchen.

Und als die Aliens vom Totenkopfplaneten ihr Raumschiff verloren und ganz allein zurückblieben, wurden sie sogar von einer Bewohnerin des Schneckenplanets gerettet.

Allein die Beschreibung des Stücks zeigt schon, welche Entwicklungen die Kinder in der Theater-AG durchlaufen und was sie dabei gelernt haben. Dass dies nicht immer reibungslos ablief, versteht sich von selbst. Oft warfen sich die Kinder gegenseitig destruktives Verhalten vor, merkten aber selber nicht, dass sie auch dazu beitrugen. Immer wieder waren Gespräche darüber nötig, wie wir gemeinsam besser vorankommen und proben konnten und bei sechs Planeten musste jedes Kind lernen, nur einmal aktiv sein zu können und fünfmal zugucken zu müssen.

Spannend wurde es auch, als sich die Kinder im Stück gegenseitig beschimpften und das Schimpfwort "behindert" gebrauchten. Schnell stellte sich heraus, dass die Kinder zunächst den Unterschied zwischen der Beschimpfung "behindert" oder z. B. "bescheuert" nicht erkennen konnten. Ein willkommener Anlass, genau darüber einmal zu reflektieren.

Ein andermal kam der Vorschlag der Kinder, wir sollten doch ihre Kostüme (auf die sie lange warten mussten...) einfach bei Primark kaufen. Als wir dann erzählten, dass wir bei Primark nie einkaufen, weil die Kleider dort unter menschenunwürdigen Bedingungen in fernen Ländern hergestellt werden, befanden wir uns plötzlich mitten in einem Gespräch über Globalisierung, Konsum, Arbeitsbedingungen u. ä., das sehr gut zum interkulturellen Thema passte.

Die sind nur zwei von vielen Beispielen, die zeigen, wie sehr das Thema "Interkulturell-Interreligiös" den ganz normalen Alltag betrifft und in der Praxis oft sehr viel mehr soziale Kompetenz erfordert, als in der Theorie.

Am 21. Juli führte die Gruppe ihr selbst erfundenes Theaterstück "Aliens auf Entdeckungstour – ein intergalaktisches Abenteuer" um 14 Uhr im Kulturzentrum TEMPEL auf. Die Kinder der 3. und 4. Klassen brachten ihr Stück mit viel Engagement ganz alleine auf die Bühne und brauchten nur hinter den Kulissen ein wenig Hilfe. Denn immerhin hatten sie aus großen Kartons sechs Raumschiffe gebastelt, die alle immer in der richtigen Reihenfolge hinter dem Vorhang stehen und starten mussten. Sehr viele Kinder standen zum ersten Mal auf der Bühne und meisterten diese Herausforderung mit Bravour.

Hoffen wir, dass sie auf ihrem weiteren Flug durch das Weltall immer wieder an die Erfahrungen denken, die sie in der Theater-AG interkulturell-interreligiös machen konnten!

Mehr über die "Unvergleichlich! Kulturellen Schulprojekte"

Unser Buch über Theater mit Kindern

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