zeitgenössische Kirchenmusik

Die Instrumente von ANA & ANDA in der Lukaskirche Karlsruhe
Musik zum Gottesdienst

Christlich-agnostische "ImPulse"

Rückblick auf Musik zum Gottesdienst

Sonntag Morgen, acht Uhr dreissig. Die Kirche ist still, als wir sie betreten. Nur die Instrumente stehen da - aber im Gegensatz zum Tag zuvor, an dem wir sie in der Umtriebigkeit des Alltags aufgestellt haben, scheinen sie jetzt eine Verheißung auszustrahlen. Fast magisch fühlen wir uns von ihnen angezogen, setzen uns an Klavier und Perkussion und beginnen zu spielen. Der Kirchenraum füllt sich mit den Klängen von "Evolution" und als der letzte Ton verhallt, hat der Dialog, der gleich im Gottesdienst stattfinden soll, für uns bereits begonnen:

War das jetzt einfach ein musikalisches Aufwärmen - oder war es nicht viel mehr das erste Gebet zur Einstimmung auf das, was gleich unsere Aufgabe sein würde; die Menschen in jene anderen Welten zu entführen, denen Religionen wie das Christentum Namen geben und die für uns als Agnostikerinnen vielleicht in "Wirklichkeit", ganz sicher aber im Inneren der Menschen existieren.

Vier Kompositionen hatten wir für den Jubiläumsgottesdienst "ImPuls" in der Lukaskirche Karlsruhe geschrieben und zusammen mit dem Pfarrer Walter Boës thematisch in den Gottesdienst eingebettet. "Nichtreligiöse Musik im Dialog mit christlicher Liturgie" hatten wir angekündigt - aber den Teil des Dialogs, den der Pfarrer und seine Gemeinde beitragen würden, kannten wir noch nicht. Was würde geschehen, wenn wir unsere ungewöhnliche Musik anstimmen würden? Würde sich die erhoffte Art von Austausch und "Gespräch" zwischen der Gemeinde und uns ergeben? Oder würden am Ende alle das Gefühl haben, doch eher aneinander vorbei "geredet" zu haben?

Als die Glocken verklangen, setzten wir uns an die Instrumente und begrüßten die Gemeinde musikalisch mit "Eight Corners". Ein Stück, das sich nicht gleich auf die spirituellen Fragen warf, sondern einfach nur langsam und behutsam den Raum mit seinen acht Ecken ertastete, Tuchfühlung mit den Anwesenden aufnahm und uns allen Zeit ließ, uns aufeinander einzustimmen.

Dann stand der Pfarrer auf - und von seinen ersten Worten an war klar, dass der Dialog klappen würde. Mit treffenden Worten, sorgfältig ausgewählten Texten, am richtigen Ort platzierten Fragezeichen und einer passgenauen Einbettung der Kompositionen in den Ablauf der Gottesdienstes legte er uns sozusagen den roten Teppich aus, auf dem unsere Musik in den Raum schweben und sich entfalten konnte. Wort für Wort und Ton für Ton näherten wir uns gemeinsam den ganz großen Fragen menschlichen Daseins an. Woher kommen wir, wohin gehen wir? Wie fing alles an und wie hört es vielleicht auf? Was bedeutet Ewigkeit und gibt es sie überhaupt?

"Bell Chimes" griff das Glockengeläute der Lukaskirche auf. Fast wie Pentatonik, meinte der Pfarrer - nur fehlte der fünfte Ton. Und ob der wohl fehlte, weil er von uns Menschen gefüllt werden sollte? Was für eine bereichernde Frage in Zeiten, die von so vielen Krisen geprägt sind wie unsere!

Dann die Worte der Schöpfungsgeschichte nach Genesis. Aber nur ein Teil davon, denn - so der Pfarrer - den Rest würde die Musik beisteuern. Eine Musik, die zwar "Evolution" heißt, aber das Wunder in diesen wissenschaftlich geprägten Begriff einfließen lässt. Und schon erklang der Ozean in unserer Komposition, aus dem nach und nach das Leben erwachte und seinem Höhepunkt zusteuerte. Ob am Ende, als alles wieder zur Ruhe kam, der Sabbat stand oder das Ende der Welt? Der agnostisch-christliche Dialog ließ die Frage offen.

Dass 50 Jahre im Vergleich zu den Jahrmillionen der Evolution ein Nichts sind, steht fest. Und doch, so der Wunsch der Lukasgemeinde, kann Gott sie einschreiben ins Gedächtnis der Schöpfung. Ein urmenschlicher Wunsch: Eine Spur zu hinterlassen, wo wir doch wissen, dass wir auch wieder gehen müssen (oder dürfen?). Etwas getan zu haben, das bleibt, das einen Einfluss genommen hat - so wie der schlagende Schmetterlingsflügel irgendwo auf der Welt, der das Wetter auf der anderen Seite der Erdkugel beeinflussen kann. "TickTack" hieß unsere Komposition zur Vergänglichkeit der Zeit, mit der wir die Gemeinde hinausgeleiten durften in einen wunderschönen Herbsttag, der eher an Sommer erinnerte.

Zurück blieb die Gewissheit, dass uns alle in diesem Gottesdienst etwas Besonderes berührt hatte. "Gott", würden die Christinnen und Christen sagen. "Vielleicht", würden wir antworten - es kann aber auch einfach die Fähigkeit gewesen sein, einander offen und ohne Vorbehalte zu begegnen, neugierig aufeinander zuzugehen und uns gegenseitig zuzuhören, um so ein Erlebnis tatsächlich miteinander zu teilen. "Und wer hat uns diese Fähigkeit gegeben?", käme vielleicht die Frage zurück.

Wem auch immer wir die Fähigkeit zu verdanken haben, uns in Frieden, Offenheit und Toleranz zu begegnen - wichtig ist, dass wir sie besitzen und einsetzen.

Wir danken der Lukasgemeinde von ganzem Herzen für diese Offenheit und Akzeptanz, gerade in diesen Zeiten, in denen radikale Ideologien eine ganz andere Sprache sprechen. Es ist Zeit, dagegen zu halten. Jetzt. Hier. Denn was groß werden soll, fängt - wie die Schöpfung und Evolution - klein an. Zum Beispiel auch in der Hagenstraße 7 in Karlsruhe.

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