Eröffnungsrede zur Ausstellung "Kreatives Schreiben"
Unsere Rede zur gestrigen Ausstellungseröffnung
Es war einmal eine Gurke – ein schnarchendes Ungeheuer – ein Dreihorn – eine beschleunigte Raupe – eine betrunkene Eule – ein verrückter Wissenschaftler – ein grünes Monster – ein Hasenschloss – ein Windkonzert – und und und...
Herzlich Willkommen in der Welt der Geschichten! Wir begrüßen Sie und Euch herzlich zur
Ausstellungseröffnung "Kreatives Schreiben". Ihr, liebe Kinder, seid zwar eigentlich die Hauptpersonen heute – wir bitten Euch trotzdem um etwas Geduld, wenn wir nun ein paar Worte an die Erwachsenen richten.
Als Künstlerinnen-Duo gibt es uns inzwischen seit 10 Jahren und in dieser Zeit sind Dutzende von Bühnenprogrammen, unzählige Kompositionen und Lieder, zwei CDs und ein Modelabel entstanden. Wir unterhalten sieben Homepages, einen Blog, das Ökofair-Portal Karlsruhe und drei Facebook-Seiten und es gibt kaum einen Tag, an dem wir nicht neue Projekte planen würden.
Das war nicht immer so und der Weg dahin war lang und schwierig. Die Idee,
mit Kindern kreativ zu arbeiten, gefiel uns deshalb gut. Kindern etwas von dem mit auf den Weg zu geben, was uns selber gefehlt hatte, war ein schöner Gedanke.
Erfahren hatten wir von der Möglichkeit, Förderungen für Schulprojekte zu beantragen, durch unsere Kontakte zum Kulturamt. Und genau so wurden wir auch auf die
Kinderliteraturtage aufmerksam. Bis dahin arbeiteten wir erst im Theaterbereich mit Kindern – unter anderem auch an der Werner-von-Siemens-Schule. Deren Leiterin Frau Schäfer – immer offen für neue Ideen und Projekte – war sofort interessiert. Und das Kulturamt bewilligte den erhofften Zuschuss. Ihnen, Frau Schäfer und dem Kulturamt nochmals ein herzliches Dankeschön!
Wir schrieben Ende 2011 einen Elternbrief. Einen Tag vor der ersten Doppelstunde
Kreatives Schreiben telefonierten wir mit einer Lehrerin, die uns von etwa acht Anmeldungen berichtete. Sie können sich unsere Überraschung vorstellen, als uns Frau Schäfer am nächsten Tag kurz vor Beginn der Schreib-AG von
über 100 Anmeldungen erzählte!
Sie hatte schon die Kinder aus der ersten Klasse aussortiert, aber es blieben immer noch fast 40 Kinder der 2.-4. Klasse übrig. Viel zu viel für eine Gruppe – und wir mussten für die erste Stunde zusätzliche Stühle organisieren und die Kinder teilweise auf ihren Knien arbeiten lassen.
Was tun? Wir entschlossen uns zu einem ungewöhnlichen Schritt: Einer "Feuerwehrmail" an verschiedene Service Clubs in Karlsruhe mit der Bitte um ganz schnelles finanzielles Einspringen. Und wir hatten Glück – der Rotary Club Karlsruhe schrieb uns wenig später eine positive Antwort. Diese Spontaneität und das damit verbundene Vertrauen in unsere Arbeit, die der Rotary Club damals ja noch gar nicht kennen konnte, finden wir äußerst beachtenswert. Hiermit nochmals ein ganz dickes Dankeschön an den Rotary Club Karlsruhe!
Nun hatten wir also zwei Gruppen, mit denen wir über einen Zeitraum von
10 Wochen Kreatives Schreiben praktiziert haben. Was aber ist Kreatives Schreiben?
Den Kindern erklärten wir das so: Uns interessieren
Eure Geschichten. Es ist uns egal, ob Ihr Fehler macht, wir geben keine Noten, vergleichen nicht und korrigieren nicht in Euren Geschichten herum. Wichtig sind nur Eure Ideen.
Dann präsentierten wir eine
"Inspirationsquelle" – jedes Mal eine andere. Das konnte ein Bild, ein Geräusch, ein Duft, etwas zum Anfassen oder sogar etwas Essbares sein.
"Was fällt Euch dazu ein?" war unsere Frage – und die Antworten sprudelten heraus, zuerst zaghaft, dann immer schneller, nachdem die Kinder gemerkt hatten, dass wir wirklich Wort hielten und jede Idee akzeptierten. Jedes Mal war die Wandtafel ganz schnell dicht vollgeschrieben mit Begriffen.
"OK, dann schreibt und zeichnet mal los!", war unsere nächste Aufforderung. In der ersten Stunde hielten wir die Luft an. Was würde passieren? Würden uns die Kinder verständnislos angucken und mehr "Führung" erwarten. Würden sie sich trauen, einfach drauflos zu schreiben und zu malen?
Sie trauten sich! Schon in der ersten Stunde kamen fast alle Kinder zu einem Ergebnis. Der erste Schritt war somit getan. Was aber nicht heißt, dass wir frei von Schwierigkeiten blieben. Manche Kinder schrieben nur das auf ihr Blatt, was vorne auf der Wandtafel stand – schön und fehlerfrei... Andere
korrigierten sich sicherheitshalber selber
mit dem Rotstift oder schrieben
Kommentare wie "falsch" unter ihr Werk. Wieder andere zogen in mühsamer Arbeit Linien auf das Papier, damit die geschriebenen Zeilen schön gerade wurden.
Wir sind Künstlerinnen, keine Pädagoginnen und keine Lehrerinnen. Aus eigener täglicher Erfahrung wissen wir, dass sich
Kreativität nur in einem
Ambiente relativer Sicherheit entwickeln kann. Jeder negative Kommentar bedroht diese Sicherheit und kann das kreative Tun behindern. Also ließen wir auch Selbstkorrekturen, Linien und Abschreiben unkommentiert und nahmen die entstandenen Werke mit.
Zuhause
tippten wir alles ab und druckten es auf DIN A6-Karten aus – auch nur abgeschriebene Wörter. Dabei korrigierten wir beim Abtippen die Rechtschreibfehler und wo nötig auch mal die Satzkonstruktion. Das nächste Mal brachten wir die Originale und die Ausdrucke mit und teilten sie wieder aus.
Der Effekt war noch besser, als wir es gehofft hatten. Stolz hielten die Kinder ihre Werke in der Hand – der erste Bann war gebrochen. Nun konnte es weitergehen. Um die Kinder, die nur abgeschrieben oder sogar gar nichts aufgeschrieben hatten, kümmerten wir uns dann besonders. Schnell stellte sich heraus, wie viel
Angst diese
Kinder bereits vor
Fehlern und einer
schlechten Bewertung hatten.
"Mir fällt aber nichts ein", sagte eines dieser Kinder auf die Ermutigung hin, doch auch mit einer Geschichte anzufangen. Also schauten wir uns das Bild nochmals zusammen an. Eine Tänzerin war darauf zu sehen. "Was glaubst Du denn, wie alt die Tänzerin ist?", fragten wir. "28 Jahre", kam die prompte Antwort. "Na also, dann schreib das mal auf!" Das Staunen beruhte auf Gegenseitigkeit: Das Kind staunte darüber, dass wir die 28 Jahre für eine wichtige Information hielten – und wir staunen bis heute darüber, wie schnell und sicher die Antwort auf die Altersfrage kam.
Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig
gegenseitiger Respekt und Akzeptanz sind. Ausnahmslos alle Kinder fassten früher oder später das Vertrauen in diesen Respekt, den wir ihnen entgegenbrachten, von ihnen aber auch in Bezug auf uns und die anderen Kinder erwarteten.
Denn leider zeigte sich, dass
die Kinder – geprägt vom Benotungssystem – sich oft genug selber
gegenseitig kritisierten und schlecht machten. Das Gefühl, sich durch Abwertung anderer Leistungen besser zu stellen, war weitverbreitet. Wir mussten mehr als einmal klarstellen, dass dies bei uns gänzlich unerwünscht war.
Denn nur dadurch konnten ausnahmslos
alle Kinder einen Punkt erreichen, an dem sich ihre
ganz individuelle Kreativität zeigte,
ihre Schaffenskraft mit ihrer – im wahrsten Sinne des Wortes – ganz
persönlichen Handschrift.
Kinder wollen experimentieren – und haben viel zu oft nicht den Raum dafür. Es gab Kinder, die absichtlich möglichst unleserlich schrieben. Es gab Kinder, deren Geschichte überhaupt nichts mit dem präsentierten "Thema" zu tun hatte. Oder solche, deren Geschichte nur einen Satz lang war. Wir akzeptierten das alles. Und alles das erledigte sich ganz von selbst wieder, ohne pädagogische Ermahnung oder negative Kommentare.
Auf Sie warten nun in diesem Raum
über 400 Werke, geschrieben von 38 Kindern in 10 Doppelstunden! Es sind Geschichten, Gedichte, Kurzgeschichten, Witze und Comics, es gibt Erfundenes und real Erlebtes, Schönes, Lustiges und Trauriges. Zu verdanken haben wir die Möglichkeit, diese Werke auszustellen, Frau Futterer, der Leiterin der Stadtteilbibliothek Mühlburg. Unsere Anfrage hat sie sofort und ohne Zögern positiv beantwortet – herzlichen Dank dafür!
Liebe Besucherinnen und Besucher, wir sind ein wenig stolz auf diese Ausstellung und in freudiger Aufregung. Aber wir sind auch etwas nervös.
Denn jetzt kommt es auf Sie an.
Sie können nun von Station zu Station gehen und die Werke der Kinder bewerten, vergleichen, nach Fehlern suchen und entscheiden, welches die "besten" Ideen sind.
Sie können aber auch eine Haltung einnehmen, die sich alle Kreativen dieser Welt wünschen, ob groß oder klein. Legen Sie das Leistungsdenken unserer Gesellschaft ab und
öffnen Sie die Augen für die kreative Kraft des Ausdrucks, die in jedem dieser Werke steckt.
Begegnen Sie den Werken der Kinder mit Achtung und Respekt vor jeder einzelnen Idee, mit dem Bewusstsein, dass gerade in der Vielfalt und Individualität des Ausdrucks der menschliche Reichtum steckt, mit dem Auge, das Geschichten statt Fehler entdeckt.
Rechtschreibung entsteht nicht um ihrer selbst willen. Schreiben wollen wir nicht lernen, nur um des Schreibens willen. Wir wollen verstanden werden, mit Anderen kommunizieren, uns austauschen und Geschichten miteinander teilen. Das ist es, was uns motiviert, immer besser zu werden, nicht der Rotstift, nicht die Benotung und schon gar keine Wettbewerbe, wie sie in der Kunstwelt so gerne veranstaltet werden.
Bis heute haben die Kinder uns vertraut und aus diesem Vertrauen entstanden Geschichten, die uns allesamt bewegten und berührten. Ab heute vertrauen wir Ihnen, indem wir Ihnen die Geschichten der Kinder präsentieren.
Kreativität ist keine hübsche Nebensache – sie ist Lebenselixier und das, was den Menschen einzigartig macht. Sie schenkt uns
Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, die notwendige Voraussetzungen sind, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Aber sie entwickelt sich nicht von alleine – sie verkümmert, wenn Anerkennung und Bestätigung fehlen. Seien Sie nicht so überheblich zu glauben, Sie könnten künstlerische Qualität erkennen. Die Geschichte hat mehrfach bewiesen, dass dies unmöglich ist – genannt sei hier nur das Beispiel Van Goghs.
An jeder Station der Ausstellung werden zwei Kinder auf dem Plakat präsentiert – und alle anderen Geschichten finden Sie gebündelt dabei hängen. Wie Sie sich nach allem, was wir gesagt haben, gut denken können, haben wir auch hier nicht versucht, eine qualitative Auswahl zu treffen.
Die Wahl fiel nach organisatorischen Kriterien – jedes Kind ist einmal auf einem Plakat dabei. Es lohnt sich also, auch in den Bündeln auf Entdeckungsreise zu gehen.
Wir hätten nie gedacht, dass wir in so kurzer Zeit so viel bei den Kindern auslösen könnten. Sie haben uns förmlich überrannt mit ihrer Bereitschaft, alles auszuprobieren, was wir ihnen boten und noch weit darüber hinaus zu experimentieren.
Insofern sind wir heute sehr glücklich – aber auch gleichzeitig hoch motiviert, so etwas über einen viel längeren Zeitraum wieder anbieten zu können.
Unser Wunsch ist, die Kinder ein ganzes Schuljahr lang begleiten zu können – so wie dies die Fritz und Thekla Funke-Stiftung an der Werner-von-Siemens-Werkrealschule und der Round Table 46 an der Tullaschule jeweils für ein Theaterprojekt ermöglichen.
Ob dies auch für das
Kreative Schreiben der Werner-von-Siemens-Grundschule gelingt, hängt davon ab, ob wir Geldgeberinnen und Geldgeber dafür finden. Wir versprechen Ihnen: Wir bleiben dran!
Wir bieten das
Kreative Schreiben für Kinder aber auch bei uns im Atelier außerhalb der Schule an. Infos darüber finden Sie dort auf dem Tresen, genau so wie die Infos zu den Theaterkursen für Kinder, bei denen die Kinder natürlich ebenfalls ihr ganz eigenes Stück erfinden.
Wir wünschen Ihnen und den Kindern der Schreib-AGs nun viel, viel Spaß mit den Geschichten der Ausstellung!
Die Ausstellung
Kreatives Schreiben ist noch
bis zum 27. April in der
Stadtteilbibliothek Mühlburg zu sehen